Fettes Pferd!

Seit meiner Kindheit bis heute werden Pferde immer dicker. Es scheint fast, wie bei den Menschen, die Fettleibigkeit ist zum Breitensport mutiert. In den Ställen vieler Freunde sind deren damals schlanken, athletischen, gesunden Pferde über die Jahre feisser und feisser geworden und niemand hat es bemerkt. Ganz erstaunt oder beleidigt wird reagiert, wenn man sich einmal eine Bemerkung erlaubt, wenn der Gaul in der Kurve vom Auslauf in die Box fast krepiert und nur noch mit Müh und Not nach dem Wälzen wieder auf die Beine kommt. Der angestrengte Galopp, der nur noch der Beinfolge nach als solcher zu erkennen ist, ist zum verzweifelten Rudern ohne Ergebnis verkommen. …dann spricht man von hoher Knieaktion. Uuh, wow!  Und der Hals, so dick, dass das Pferd seine Brust mit dem Kopf nicht mehr erreicht um eine Fliege zu verscheuchen.

“Läuft der gut?” frage ich dann öfter mal. Obwohl ich eigentlich weiss, dass offensichtlich nicht nur vergessen gegangen ist, wie ein Pferd eigentlich aussieht ohne 200kg Übergewicht, sondern auch wie sich ein “gut laufendes” Pferd anfühlt. Wie zu erwarten, unter diesem Umstand, bekomme ich dann natürlich nur positive Antworten. Oder höchstens noch, dass er halt auf harten Böden eventuell nicht soooo gut gehen kann oder noch schöner “am Schritt müssen wir halt noch etwas arbeiten.”

Sicher, das dicke Pferd ist keine Neuerscheinung. Das Problem übergewichtiger Pferde kennt die Menschheit schon lange und viele Pferde mussten die Unfähigkeit der Figurhaltung ihrer Betreuer letztlich mit dem Leben bezahlen, weil sie ihren Dienst nicht mehr tun konnten oder ernsthaft krank wurden.

Die Barockreiterei auf den berühmten Stichen von Ridinger, Gemälde der Reitere von de la Guerinière und ähnliche zeigen grotesk fettleibige Pferde mit beulender Zellulite statt Muskulatur. Wobei es sich da natürlich um Kunst handelt und die wiederum ist von Modeströmungen geprägt, was nichts mehr mit dem lebenden Kunstobjekt zu tun haben muss. Da wissen wir es einfach nicht. In späteren Zeit, den Anfängen der Fotografie gibt es Abbildungen sowohl fotografischer, wie auch gezeichneter Art von ein und demselben Pferd, bei denen die Diskrepanz zwischen Kunst und Realität immens zum Vorschein kommt.

Worin liegt der Reiz in einem fetten Pferd? Ich weiss es nicht. Mit manchen modernen Haltungsideologien entsteht klar ein Konflikt zwischen Gut und Böse, manchmal ist es einfach bequem aber es grundsätzlich Tierquälerei ein Pferd solange sich vollfressen zu lassen, bis es sich nicht mehr in seinem vollen Rahmen bewegen kann, beulende Fettpolster, teils hart wie Fussbälle an den unmöglichsten Orten am Körper entwickelt, nur noch mit kurzem Tritt auf überlasteten Hufen vorsichtig gehen kann oder gar Hufrehe oder ähnlich Dramatisches entwickelt.

Wichtig ist unbedingt festzuhalten, dass der Grossteil aller Pferde in diesen Zustand versetzt werden bei “bester Pflege und Absicht”. Sie sind kaum das Resultat von Vernachlässigung.

Wie konnte es kommen, dass keiner merkt, wie er sein Pferd zu Grunde richtet? Ja, dafür noch viel, sehr viel Geld ausgibt, das Pferd genau dahin zu bringen und diesen Status zu erhalten. Nur um dann in der Folge zur weiteren Pflege des Problems -nicht des Pferdes!- des Problems, weiter sehr viel Geld für die diversen Therapieformen und Zusätzchen, Spezialfutter, Spezialsattel und so weiter und so fort zu investieren. Wo letztlich alles darin endet, dass weder das Pferd noch der Besitzer einen Nutzen daraus zieht; es sei denn, der Besitzer geniesse es einen Schwerbehinderten zu pflegen und krank zu machen -sowas soll es ja geben. Im Endeffekt ist das Pferd krank, unbrauchbar, auch nicht ohne Nutzungswünsche des Menschen fähig angenehm, gesund und schmerzfrei zu leben und letztlich geht es ein. Zugegeben, es dauert mitunter Jahrzehnte stillen Leidens, bis der Tag kommt wo auch dem Letzten klar wird, dass das Pferd “erlöst” werden muss.

Pferde mit einer fatalen Kolik oder einer horrormässigen Hufrehe sind vielleicht noch die Glückspilze die einen Notausgang aus diesem Leben gefunden haben.

Was ist das für eine Mode? Wer sein Pferd selber hält, kann sich nirgendwo aus der Schuld reden. Er ist ganz allein verantwortlich dafür, wie es seinem Pferd geht. Steht das Pferd in einem Stall wo ein anderer den Auftrag zur Versorgung des Tieres hat, ist das Eigentum des Pferdebesitzers dem Gutdünken des Dienstleisters ausgeliefert. Der Eigentümer hat in der Regel keinen Einfluss darauf, wieviel und was sein Pferd erhält. Und wenn das Gebotene zum Tode des Pferdes führt, ist das einfach Pech. Das muss so hingenommen werden.

Mit viel Glück landet der Eigentümer mit seinem Pferd auf einem Betrieb in welchem der Betreiber die nötigen Fähigkeiten hat und das Engagement gross genug ist, die ihm anvertrauten Tiere optimal zu versorgen.  Die Hingabe lässt häufig sehr zu wünschen übrig. Da hilft nur umziehen und was Neues ausprobieren.

Wenn die neuen Reiter heute ein Pferd kaufen, wissen sie oftmals schon gar nicht, wie ein gesundes Pferd eigentlich aussieht oder läuft. Da wird es schwierig, dass sie Probleme früh oder überhaupt erkennen. Möglich, dass man davon ausgeht, das sei Normal.

Normal ist es aber ganz und gar nicht, wenn ein Pferd ständig kleinere oder grössere Probleme hat. Dann stimmt etwas nicht und dem sollte man schleunig auf den Grund gehen. Ein Pferd dessen Rippen man beim freien Trab nicht sieht, ist zu dick.

Zu allermindest müssen die Rippen im Stehen, mit der flachen Hand über den Rumpf streichend, problemlos zu erfühlen sein. ALLE Rippen!

Dass auch ältere Pferdeleute, die seit vielen Jahren Pferde haben und teilweise seit 20 und mehr Jahren die gleichen Pferde besitzen, nicht merken wollen, dass ihre armen Tiere doppelt so schwer sind wie sie sein sollten und waren, noch vor 15, 10, 5 oder auch erst 2 Jahren, das ist unverständlich.

Unabhängig davon ob ein Pferd geritten oder gefahren wird, es soll nicht fett sein. Dann ist es in der Regel auch gesund.

Das Schlankhalten kann mit Aufwand verbunden sein. Insbesondere ist ein ständiger Zugang zu Futter nicht immer möglich oder sinnvoll, wenn das Pferd gesund bleiben soll. Es ist aber auch völlig unnötig. Erfordert aber, dass man sich regelmässig um die Nahrungszufuhr kümmert und kann nicht einfach auf Vorrat einen riesen Berg hinstellen. Anders als dieses, kommt je nach Futter hinzu, dass man sich bemühen muss, dem Pferd Wertvolles vorzusetzen, das klar erkennbar den nötigen Inhalt liefert. Das vielgelobte “nur Heu” ist nur machbar, wenn man in Kauf nimmt, dass ein grosser Teil aller so versorgten Pferde viel zu viel davon aufnehmen. Folglich werden sie viel zu schwer. Und, sie sind trotzdem für viele Eigentümer klar erkennbar unzufrieden, hungrig, krank, zeigen trotzdem Mängel, sind widersetzlich etc.

Wo das Pferd schon zu dick ist, macht das zusätzliche Verabreichen von Futter welches (hoffentlich) das Fehlende liefert keinen Sinn oder alles noch schlimmer. Noch dicker.

Profitieren tut weder das Pferd selbst, der Eigentümer noch die Gattung “Pferd”. Der Markt hingegen… der will natürlich, dass das Pferd fett und krank wird. Vom Tierarzt zum Landwirt zum Futtermittelproduzenten, -Verkäufer, Ausrüstungshersteller, Hufpfleger, Hufschuhhersteller, Hufschmied, Therapeuten von Aromatherapie bis Wunderheiler, Pferdehändler, Stallbetreiber, Coaches, Trainer …. sie alle haben ein Interesse daran, dass das Pferd möglichst lange möglichst unmöglich ist. Während der Eigentümer sich wundert und wartet und anlügen lässt “der hat aber schön abgenommen -noch mehr wäre schon zu dünn” und er niemals erfahren wird wie lässig und leicht (und billig) das Leben mit seinem Pferd sein könnte.

Aber was ist so schwierig daran, dem Tier nur so viel hinzustellen, wie nötig ist und wegzulassen was mehr als genug ist? Es wäre definitiv einfacher dem Pferd die Ration zu kürzen als dem eigenen Magen eine Mahlzeit vorzuenthalten. Letztlich ist aber alles eine Frage des Willens und nur ein Problem, wenn man sich eine dicke fette Lüge als Ausrede zurechtlegt.

Aus Perspektive des Pferdes und des Pferdebesitzers, gibt es keinen einzigen Anreiz für Übergewicht (ausser- ausser natürlich man hat Angst das Pferd könnte sich bewegen, au weia). Es hat nur Nachteile. Teure Nachteile. Traurige, tragische Nachteile.

 

 

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